Der theologische Hintergund

Wie kam es zu diesem Oratorium?

Es war vor zwei Jahren: Michael Bender hatte Lust, zum Reformationsjubiläum ein Lutheroratorium zu komponieren und suchte einen Verfasser für das Textbuch.  Ich hatte Lust, ein Textbuch dafür zu schreiben. Es gibt ja schon eine ganze Reihe von Pop-Oratorien und Singspielen, von denen manche allerdings aus meiner Sicht dem Gewicht und der Bedeutung der Person, der Geschichte und der Lehre Luthers nicht wirklich angemessen sind. Es reizte mich, selbst einen Versuch zu machen. Ich hatte die Vorgabe: Das Lutheroratorium soll auch Spaß machen, es ist ja im „Cross-over-Stil“ (von Klassik bis Pop) gedacht, und alle Chöre an der Stadtkirche sollen beteiligt werden: Bachchor, Gospelchor, Kantorei, Kinderchor, Popsänger/in. Das musste ich bei der Gestaltung der Texte natürlich bedenken und diese dann entsprechend verfassen. Und dann war zu bedenken, dass die Soli an sich sehr stark männerlastig sind – die handelnden Personen in der Reformationszeit waren halt alles Männer. Deshalb die Idee: Die Rezitative bzw. die Rolle der Erzählerin soll Luthers Frau Katharina zugeschrieben werden, die dann auch noch Arien bekommt. Auch die Popsongs können weiblich besetzt werden. So wird ein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Solopartien hergestellt. Entsprechend müssen deren Texte gestaltet sein. Die Entstehung des Oratoriums zog sich über zwei Jahre hin.

 

Vielleicht fragen Sie:

Wodurch ist der Verfasser des Textbuchs für die Aufgabe qualifiziert?

Ich bin evangelischer Theologe. Natürlich müssen sich alle evangelischen Theologiestudierenden im Lauf ihres Studiums mit Luther beschäftigen. Sie tun das allerdings mit sehr unterschiedlicher Intensität. Ich habe wie alle anderen sämtliche theologische Fächer studiert, aber für mich war die Beschäftigung mit Luther, der Geschichte und Theologie der Reformation das große Thema vom Anfang bis zum Ende meines Studiums. Damals konnte man noch frei studieren, das war alles nicht so verschult wie heute. Als ich danach in Göttingen meine Doktorarbeit schrieb, habe ich auch einen wissenschaftlichen Aufsatz zu aktuellen Fragen der Lutherinterpretation verfasst. Auch im Pfarramt war Luther für mich aktuell. Als 1983 Luthers 500. Geburtstag gefeiert wurde, habe ich eine Ausstellung konzipiert und verschiedene Vorträge gehalten. Ich bin Mitglied im internationalen wissenschaftlichen Verein für Reformationsge-schichte. Kurz: Ich habe mich lang und intensiv mit Luther beschäftigt und das, was ich in der evangelischen Kirche erlebt habe, über die Jahre hin immer in Bezug gesetzt zu Luther und zur Reformation.

 

Reformation und „ecclesia semper reformanda“

Heute wird oft gesagt, die Reformation sei nicht eine einmalige und abgeschlossene Sache, sondern die Kirche bedürfe ständig der Reformation, lateinisch: eeclesia semper reformanda. Das ist natürlich richtig, aber darin steckt auch ein Problem. Da werden u.U. Dinge auf eine Ebene gebracht, die im Grunde weltenweit von einander verschieden sind. Luther hat in einer Intensität um die Frage nach der Gnade Gottes gerungen und sein Leben aufs Spiel gesetzt für das, was er als Wahrheit des Evangeliums erkannt hat, wie das mit heutigen Bemühungen um Kirchenreform überhaupt nicht zu vergleichen ist. Heute setzt niemand seine Existenz, gar sein Leben aufs Spiel, wenn er Kirche reformieren will. Und es geschieht dadurch auch kein fundamentaler Bruch mit der Tradition, der die Welt verändert. Mir ist es wichtig, deutlich zu machen, dass es damals wirklich um Leben und Tod ging, dass die Frage der religiösen Einheit von höchster politischer Relevanz war, dass Luther sich nicht von ferne für einen autonomen Menschen erklärte, der nur seinem Gewissen verantwortlich und deshalb nicht an die Gesetze der Kirche gebunden sei. Freiheit bedeutet für ihn etwas ganz anderes, wie sich zeigen wird. Und es soll klar werden, dass die päpstliche Kirche damals eine ganz andere Kirche war, als die heutige katholische Kirche.

 

Der fremde Luther

Luther war kein moderner Mensch. Er ist uns in Vielem sehr fremd, ärgerlich und anstößig. Die Welt war vor 500 Jahren eine ganz andere als heute, und es ist absurd anzunehmen, irgend jemand hätte damals so denken, reden und leben können wie wir heute. Und schon gar nicht kann man einem vorwerfen, dass er nicht damals schon die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und religiösen Erkenntnisse hatte wie wir heute, kurz: dass er nicht damals schon so aufgeklärt und tolerant war wie wir. Einige Knackpunkte:

  • Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Ist diese Frage Luthers für die Menschen heute überhaupt noch relevant?
  • Soll man, darf man die Religion so wichtig nehmen, wie Luther das tat? Wir sehen doch heute, was Religion anrichten kann (IS).
  •  Kann die Bibel als historisches, von Menschen verfasstes Dokument tatsächlich Wort Gottes sein, wie Luther glaubt, oder ist sie ein Buch, in dem Menschen niederschrieben, was sie glaubten, das wir heute auf Grund unserer Erkenntnisse und Erfahrungen für die heutige Zeit ganz anders interpretieren müssen?

 

Der fremde Luther, nicht modernisiert und angepasst an die heutige Zeit, den möchte ich darstellen. Und wo er umstritten ist, und was er für Widerstände auslöst. Dieser Widerspruch zieht sich durch das ganze Lutheroratorium vom Eingangschoral an: Ein feste Burg ist unser Gott. Sofort die Reaktion: Unmöglich, dieses Lied! „Hört doch auf mit diesem alten Lied! Das ist doch absolut unmodern.“ Beides wird nebeneinander gestellt, und die Spannung wird nicht aufgelöst. So ist es im ganzen Oratorium. Der Luther sagt und macht seine Sache, Widerspruch wird eingelegt, und am Ende des Oratoriums  ist der Hörer/die Hörerin selbst gefragt, was er von diesem Mann hält, der so „absolutely unmodern“ dem Wort Gottes glaubt und alles auf Jesus Christus setzt – seine Existenz, die Zukunft der Kirche, ja die Zukunft der Welt.

 

II. Jugend und Eintritt ins Kloster

Der 1. Hauptteil beschreibt Luthers Herkunft, die Pläne seines Vaters mit ihm und seine Zweifel, ob das für ihn der richtige Weg sein kann. Er ist (man könnte fast sagen) ein Mensch mit vielen Skrupeln, der nicht so einen „normalen“ Weg gehen kann mit Karriere, Streben nach Reichtum, Lebensgenuss… Er sucht nach Höherem, nach der Gnade Gottes, nach einem Leben, das Gott gefällt. Davon können ihn seine lebenslustigen Freunde nicht abbringen. Egal wie das mit dem Gewitter bei Stotternheim gewesen sein mag, wo er den Eintritt ins Kloster versprochen haben soll, wenn er heil und gesund bleibt: Entscheidend war dieses leidenschaftliche, unbeirrbare Suchen nach einem reinen und gottgefälligen Leben, das ihn zum Eintritt ins Kloster bewog. Die Enttäuschung und Verärgerung des Vaters über diesen Schritt habe ich außen vor gelassen. Dafür kommt hier der erste Popsong, der mit vielen Worten im Grunde das Eine sagt: Ins Kloster gehen – der Mann ist doch verrückt. „Ich will mein Leben genießen“.

Dann bei den Mönchen das Aufatmen, das bereitwillige Leben in Demut: Singen, beten, Fußboden schrubben, Klo putzen, studieren. Aber er findet keine innere Ruhe: „Er nahm ja sich selbst ins Kloster mit, mit seinen Zweifeln, seinen hellen und dunklen Trieben… Die reine Gottesliebe konnte er nicht leben“. Der Trost der Mitmönche half ihm auch nicht. Der Gospelchor versucht es mit dem Zuspruch: „Du bist ein Kind Gottes, fürchte dich nicht. Lass deine Zweifel, glaube.“ Aber auch das hilft ihm noch nicht. „Das ist leicht gesagt und doch so schwer getan, klagt Luther und: Ich bin nicht besser als die Menschen, die draußen leben in der Welt.“ Ein Choral bekräftigt die Erkenntnis: Ich kann mich nicht selbst erlösen.

Erlösen? Wieder ein Pop-Solo mit durchaus zeitgemäßen Gedanken: Was soll das mit Erlösung? Wir sind doch okay. Natürlich haben wir Fehler, keiner ist vollkommen. Aber deshalb müssen wir ja nicht erlöst werden. „Du bist ganz ok, keep cool.“

Befreiung bringt das Studium der Bibel, als Luther erkennt: Es geht nicht darum, dass du aus dir einen vollkommenen Menschen machst, das kannst du nicht schaffen. Du kannst dir die Gnade Gottes nicht verdienen. Aber du bekommst sie geschenkt, auch wenn du es gar nicht verdienst. Christus hat auf sich genommen, was dich von Gott trennt. Wenn du das im Glauben annimmst, dann kann dich nichts mehr von Gottes Liebe scheiden. Zum Schluss der Choral: Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat g`nug für uns all`getan…

 

II. Der Streit um den Ablass

Dieser Teil des Oratoriums hat wohl den höchsten Unterhaltungswert. Die Rede des Ablasshändlers Tetzel auf dem Marktplatz hat Michael Bender sehr dramatisch vertont, es ist ja auch schier unglaublich, was Tetzel da von sich gab im Blick auf Hölle und Fegfeuer. Inhaltlich ist nichts erfunden, auch wenn man`s heute gar nicht mehr glauben mag, weder als evangelischer noch als katholischer Christ. Selbst Tetzels Behauptung, es gäbe „Verzeihung für jedes Verbrechen, selbst dann, wenn einer – o ruchlose Tat – die heilige Jungfrau geschwängert hat“ ist historisch belegt. Natürlich entspricht der Inhalt dieser Rede nicht der offiziellen kirchlichen Ablasslehre jener Zeit und schon gar nicht der heutigen Lehre der katholischen Kirche. Aber so gings tatsächlich zu, so wurde den Menschen damals das Geld aus der Tasche gezogen. Dagegen wendet sich Luther in seinen 95 Thesen, und er ist davon überzeugt, dass der Papst diesem Treiben ein Ende setzen wird, wenn er davon erfährt. Hier konnte ich den Kinderchor sehr gut einplanen: Die Kinder wollen hören, was die Großen für schreckliche Sünden tun, heimlich, ohne dass es bekannt wird. Und natürlich sind die Reaktionen der Großen ganz unterschiedlich. Der Höhepunkt ist eine Zusammenfassung der 95 Thesen – Originalton Luther.

Danach kommt dann wieder ein Pop-Solo, das behauptet: Auch in der Kirche geht es letztlich doch immer ums Geld – trotz aller schönen Worte von Frieden und Seligkeit. Luther, du bist einfach naiv. Klar, dass sie dich jetzt fertig machen. Ehrlich und mutig sein ist toll, aber es bringt nichts.

Luther bekommt dann gewissermaßen noch eine letzte Chance. Der Kardinal Cajetan versucht ihn im Auftrag des Papstes zum Widerruf zu bewegen, aber Luther ist dazu nicht bereit. Er, der sich selbst als treuen Sohn der Kirche betrachtet, wird mit dem Tod bedroht. Er verbrennt die päpstliche Bullle, in der ihm Bann und Ketzertod angedroht wird. Am Ende bleibt nur die Bitte um Hilfe mit dem Choral: Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, der du Herr aller Herren bist.

 

III. Der Reichstag zu Worms

Wenn man von Luther etwas weiß, dann dies, dass er auf dem Reichstag in Worms 1521 vor Kaiser und Fürsten den Widerruf seiner kritischen Schriften verweigert hat mit den berühmten Worten: „Ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen“. Und das, obwohl ihm der Ketzertod auf dem Scheiterhaufen angedroht wurde. Dafür wurde er früher zum starken Glaubenshelden hochstilisiert, und auch heute wird er dafür hoch gelobt als einer, der für Glaubens- und Gewissensfreiheit einsteht. Das klingt so modern und aufgeklärt, dass selbst das Pop-Solo diesmal Zustimmung und Bewunderung zum Ausdruck bringt.

Tatsächlich ist es so, dass damals niemand sich vorstellen konnte, wie eine Gesellschaft, ein Staat, funktionierten kann, wenn nicht in Fragen des Glaubens und der Religion Einheit besteht, sondern unterschiedliche Auffassungen miteinander konkurrieren und dann gewiss auch deren Anhänger gegeneinander kämpfen. Deshalb wollte man unbedingt Einheit in Glaubensfragen.

Und Luther selbst? Ihm ging es nicht um die individuelle Freiheit, in allen, auch in Glaubensfragen, alles selbst zu entscheiden, nur dem eigenen Gewissen verantwortlich. Er war in seinem Gewissen gebunden durch das Wort Gottes, nicht nur durch persönliche Ansicht („Ich sehe das so.“) . Seine Position hat er (modern gesagt) durch das intensive eigene Studium der Bibel und ihrer Aussagen zu Ablass, Gnade, Vergebung und Heil gewonnen. Er kann nicht gegen das biblische Zeugnis alles widerrufen, was ihm zur Erkenntnis und zur Gewissheit wurde. Es ist wichtig, dass wir uns das bewusst machen: Luther geht es um weit mehr als um persönliche Überzeugung, ihm geht es um die Wahrheit der biblischen Botschaft. Deshalb steht er da und kann nicht anders.

Aber das ist eine Frage, die den Kaiser nicht interessiert. Er verhängt den Bann über Luther und erklärt ihn für vogelfrei.

 

IV. Luther auf der Wartburg. Die Übersetzung der Bibel

Jetzt folgt die berühmte Geschichte von der Flucht aus Worms, der Entführung durch Soldaten seines Landesherrn Friedrichs des Weisen, und von seinem Leben auf der Wartburg, wo er inkognito als „Junker Jörg“ viele Monate verbrachte. Eine ruhige Zeit ohne jede Möglichkeit, auf die Weiterentwicklung der reformatorischen Bewegung Einfluss zu nehmen, und doch eine höchst produktive Zeit. Luther übersetzt das Neue Testament ins Deutsche. Jeder und jede soll das Wort Gottes selbst studieren können und sich selbst ein Urteil bilden, „was wahr ist und was Menschengedicht“. Denn Christen, Kirche, das sind doch die, die auf die Stimme des guten Hirten Jesus hören und danach leben. Das Hören auf die Stimme des guten Hirten ist das entscheidende Kriterium, nicht der Gehorsam gegen Kirchengesetze oder die durch eigenes Nachdenken gewonnene Meinung. Das ist nicht modern, aber höchst aktuell in der heutigen Zeit der Meinungs- und Glaubensvielfalt, wo viele sich fragen: Was soll ich denn glauben? Wem soll ich glauben? Auf wen soll ich hören? Diese Unsicherheit bringt der Gospelchor zum Ausdruck und bittet: „Sprich zu mir, Herr, zeig mir den rechten Weg, damit ich nicht in die Irre gehe.“ Aber daran schließt sich sofort der erbitterte Einspruch des Pop-Solo an: „Ja, das hättet ihr gern, eine himmlische Stimme, Wahrheit von Gott ganz persönlich. Aber das gibt es nicht, Stimmen vom Himmel. Gefährlich sind die, die sich auf göttliche Wahrheit berufen und sagen: So müsst ihr leben, so müsst ihr glauben.“ Wie gefährlich das ist, erleben wir heute, siehe IS und andere religiös motivierte Terroristen. Michael Bender hat diesen Einspruch sehr dramatisch vertont. Der Einspruch trifft allerdings nicht das, worum es Luther geht.

Was sagt Gottes Wort? fragt Luther. Nicht auf eine Stimme vom Himmel, sondern auf  die Stimme des guten Hirten Jesus Christus sollen wir hören, wie sie aus den Worten der Bibel zu uns spricht. Da muss man schon seinen Verstand gebrauchen, um zu verstehen, was das für uns heute bedeutet, aber da gibt es keinen Zwang: So müsst ihr leben, so müsst ihr glauben. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge. Nichts kann ihn zwingen, nichts kann ihm schaden, ist seine Seele mit Christus vereint.“

Das wurde schon damals und wird bis heute oft so ausgelegt, als ob es für Luther nur auf den Glauben ankäme, als sei es im Grunde egal, wie einer lebt, Hauptsache er ist fromm. Aber die zweite These gehört dazu: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Die Freiheit im Glauben befreit ihn dazu, nicht nur sich selbst zu sehen, nicht nur sich selbst der Nächste zu sein, sondern den Mitmenschen zu sehen in seiner Not. „Aus lauter Liebe wird er gute Werke tun, unendlich mehr, als das Gesetz befiehlt.“

Den Abschluss bildet der Choral: Es ist ja Herr dein Gschenk und Gab mein Leib und Seel und was ich hab in diesem armen Leben. Damit ichs brauch zum Lobe dein, zu Nutz und Dienst dem Nächsten mein…

 

V. Bauernkrieg

War Luther ein Fürstenknecht, wie oft gesagt wird? Einer, der den Fürsten nach dem Mund redete, um sie auf seine Seite zu ziehen, damit sie seine Reformation unterstützen? Ich  versuche im Oratorium zu zeigen, dass es ihm nicht um Politik ging, als er die Fürsten aufforderte, den Aufstand der Bauern niederzuschlagen. Freiheit wurde zum Zauberwort. Wenn der Christenmensch ein freier Mensch ist, niemandem untertan, dann müssen sich doch die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ändern oder geändert werden, dachten viele. Und die waren damals wirklich schlimm. Die Klagen der Bauern waren mehr als berechtigt, die Herrschaft der Fürsten und des Adels war brutal, und auch die Kirche hat die Leute ausgesaugt. Luther stellte sich zunächst auf die Seite der Bauern und erklärte viele ihrer Forderungen für berechtigt. Aber dann kamen die falschen Propheten oder die „himmlischen“ Propheten, wie er sie nannte. Die propagierten den Heiligen Krieg und beriefen sich dabei auf Worte der Bibel, manche auch auf himmlische Stimmen. (Ich stelle hier die Sicht Luthers dar.)

Daraufhin Luther: „Da musste ich rufen: Ihr Fürsten, ihr Ungerechten und elenden Sünder, ihr habt Gottes Zorn gewisslich verdient, doch weicht ihnen nicht!“ Der Missbrauch des Wortes Gottes zur Legitimierung von Gewalt und Revolution, zum Zwang, wie man leben muss, zur Entscheidung darüber, wer leben darf, das war das entscheidende Motiv für Luthers Parteinahme gegen die Führer der Bauern. In einer bewegenden Arie blickt Luther zurück: „Ich musste es tun, damit nicht unser liebes Evangelium von ihnen in ein Grundgesetz der Tyrannei verkehrt wird. Ich musste es tun, um deines Wortes willen, Gott. Das Wort von Gnade, Liebe und Barmherzigkeit darf nie und nimmermehr verstummen. Sonst gibt es keine Hoffnung mehr für diese Welt und alle armen Menschen.“ Die Frage von Gewalt und Krieg mit religiöser Begründung ist ja sehr aktuell.

 

VI. Luthers Eheschließung

In Luthers Bewusstsein gehören der Bauernkrieg und seine Eheschließung ganz eng zusammen. In einer Zeit von Aufruhr, Gewalt und Tausenden Toten, wo es so scheint, als sei das Ende der Welt nahe, heiratet er, zeugt Kinder und lebt gewissermaßen das Vertrauen, dass Gottes Gnade jeden Tag neu ist und seine Treue kein Ende hat. Dieser Teil des Oratoriums hat wieder einigen Unterhaltungswert. Die Geschichte von der Befreiung der adligen jungen Damen, die von ihren Eltern ist Kloster gesteckt worden waren, weil sie dort versorgt sind und keine Mitgift brauchen, wird locker erzählt und locker vertont. Alle Nonnen kommen wohlbehalten in Wittenberg an, und alle finden einen Mann, mit dem sie gerne die Ehe schließen. Aber eine der Nonnen findet keinen, der sie heiraten will, sie ist zu selbstbewusst, eine zu starke Persönlichkeit, das mögen Männer nicht. Jedenfalls war es damals so. Luther muss selber ran und heiraten, obwohl er eigentlich gar nicht will und ja auch schon 42 Jahre alt ist. Hier hat der Kinderchor wieder einen großen Auftritt.

Katharina preist ihren Mann als guten Ehemann, guten Vater, respektvollen Gatten. Sie redet auch davon, dass sie seinen zornigen Mut und seine Wut ertragen musste, wenn man ihm im theologischen Disput widersprochen hat. Nein, er war oftmals nicht  freundlich und respektvoll gegenüber anderen, die ihm widersprachen, das war schon schlimm. Aber zu mir, sagt sie, zu mir war er gut. Historisch gesehen kann man wohl sagen: Das war schon eine richtige Partnerschaft.

Und dann folgt ein Duett, in dem beide vom Segen der Ehe singen, von dem Reichtum, den Kinder bedeuten. Am Ende die Worte: „Wie gut ist das: Rund um mich Not und Tod, als ob die Welt vergehen wollte. Und doch kann Liebe wachsen, blühen, und doch wächst neues Leben auf durch Gottes Gnade.“

 

VII. Epilog

„Vieles wäre noch über diesen Mann zu sagen und das Werk, das er getan. Ja, er hat die ganze Welt verändert durch sein Lesen, Beten, Streiten. War ein Mensch mit Stärken und Schwächen, mit hellen und auch dunklen Seiten.“ So beginnt der Epilog. Luthers Werke füllen einen ganzen Bücherschrank, und wer sich damit befasst, der kann nur staunen über die unglaubliche Arbeitsleistung in den 30 Jahren zwischen seinem ersten öffentlichen Wirken und seinem Tod. Unmöglich, alles in einem Oratorium anzusprechen. Mir ist es aber wichtig, den alten Luther auch noch zu Wort kommen zu lassen, den Mann, der auf sein Leben zurückblickt und sich Gedanken macht, wie es weitergehen wird mit seinem Werk und mit der Zukunft der Kirche. Da ist doch einiges, das uns heute zu denken gibt oder geben sollte.

Luther wollte nicht, dass eine Kirche nach seinem Namen benannt wird: lutherische Kirche. „Wer bin ich denn? Ein armer Sünder. Und was hab ich erreicht?“ fragt er. In seinen letzten Lebensjahren war Luther sehr leidend, ständig von Schmerzen gequält, aufgedunsen von verschiedenen Krankheiten, und das hat sich auch seelisch ausgewirkt. Er konnte nicht stolz auf ein großes Lebenswerk zurückblicken, sondern sah es eher so: „Mit leeren Händen steh ich da. Enttäuscht und bitter geh ich aus der Welt. Das reine Evangelium wird lange schon gepredigt, doch sind die Leute keine Christen geworden. Schau hin, sie leben wie das Vieh.“ In den letzten Jahren voll Krankheit, Schmerzen und Bitterkeit hat der alte Mann dann noch einige Schriften geschrieben, die einfach  schrecklich sind: die gegen die Juden und gegen den Papst. Ich denke wir sollten da ein wenig barmherzig sein gegenüber dem alten, kranken, verbitterten Menschen. Es waren (wie gesagt) die letzten Jahre.

Was bis zuletzt beeindruckt und bewegt, ist seine Demut, in der er sagen kann: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Und vor allem ist es sein fester Glaube, dass es (was die Zukunft der Kirche und der Welt angeht) letztlich nicht auf uns ankommt, auf unsere Ideen und Leistungen. Denn „wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten. Auch unsre Väter waren`s nicht, die vor uns sind gewesen, und die, die nach uns kommen, werden`s auch nicht sein. Sondern der war es, der ist, der wird es sein, der Jesus Christus heißt, der Herr der Kirche, der Erlöser.“

Nach allem, was da nun so abgelaufen ist, fällt das letzt Pop-Solo dann doch etwas freundlicher aus: „Hey Luther, Respekt. Von deiner Sorte könnten wir heute einige brauchen, die nicht nach der Mode, kundenorientiert, immer fröhlich, konfliktscheu, superstromlinienförmig die Kirche der Zukunft planen, sondern sagen, was Sache ist. Vielleicht sehen wir uns mal im Himmel – wenn`s den überhaupt gibt.“

Der Schlusschoral im Sinn Luthers: Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren. Es streit` für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist. Er heißt Jesus Christ…

Und dann gibt es zum allerletzten Schluss noch einen Rausschmeißer, der zusammenfasst, was Luther uns wohl heute mitgeben würde:

Viele sagen, es gibt keinen Gott oder: das mit Gott ist nichts, er kann ja doch nicht helfen, alles wird immer schlimmer – und immer wieder der Refrain:

„Doch trotz aller Zweifel will ich nicht verzagen,
ich will an ihn glauben und will`s mit ihm wagen.
Ich bin frei und geborgen in meinem Gott
und diene dem Nächsten in seiner Not.“

 

Jochen Tolk