Musikalische Konzeption

Einmal im Leben ein Oratorium komponieren – das war schon lange mein Wunsch. Allein – es fehlte die entsprechende inhaltliche Idee und ein Text. Ein Gespräch mit Jochen Tolk über die musikalische Begehung des Reformationsjubiläums gab dann die Initialzündung: Es sollte ein Oratorium über Leben und Wirken von Martin Luther werden, das den musikalischen Gegebenheiten an der Evangelischen Stadtkirche mit ihren zahlreichen Chorgruppen Rechnung trägt, nämlich im Wesentlichen die Verknüpfung von klassischen und popularmusikalischen Elementen in ein Werk im sogenannten Crossover-Stil.

 

Die Herausforderung war, einerseits die formalen und dramaturgischen Anforderungen eines Oratoriums mit Handlungsfortschritt (Rezitativen), betrachtenden Elementen (Arien), großen Chören, sowie Chorälen mit beiden Stilen aus Pop- und klassischer Musik zu verknüpfen. Mein Ehrgeiz war dabei, nicht einfach Einzelsätze in verschiedenen Stilen aneinanderzureihen, sondern in zahlreichen Stücken Elemente beider Stile miteinander zu verschmelzen.

 

Dies vorweg: Ich bin im Hauptberuf Kirchenmusiker, und nicht Komponist. Einen Personalstil im eigentlichen Sinne wird man kaum vorfinden. Wenn es ihn gibt, dann in der Verknüpfung verschiedener Tonsprachen, die im klassischen Bereich inspiriert sind von der hoch- bis spätromantischen Sinfonik (beispielsweise von Mendelssohn oder Bruckner), vom Impressionismus (wie Debussy) und von der gemäßigten Moderne (z. B. Prokofieff), im popularmusikalischen Bereich von Elementen aus Gospel- und Popmusik oder auch aus dem Jazz.

 

Den unterschiedlichen Musikstilen, die sich natürlich auch in der Besetzung niederschlagen, kommen unterschiedliche Aufgaben zu.

  • Die „klassischen“ Solisten übernehmen die Protagonisten aus der Lutherzeit: Der Bass gibt den Luther, sein Vater und der Kanzler wird vom Bariton übernommen, der Tenor verkörpert Tetzel und Cajetan, und Katharina (Alt) führt als Erzählerin durch das Geschehen.
  • Der Bachchor singt als klassischer Chor die großen sinfonischen Chöre. Zu den Chorälen treten noch die Kantorei und die Sängerinnen und Sänger der „Kantate zum Mitsingen“ hinzu.
  • Die Kinderchöre der Evangelischen Singschule und der Musikschule Ravensburg kommentieren das Geschehen auf ihre Weise musikalisch.
  • Den inhaltlichen Konterpart übernehmen Gospelchor und Pop-Solistin. Sie treten fast das ganze Stück über als Zweifler auf, die Luthers Gedanken für nicht mehr zeitgemäß halten und sie teilweise sogar ins Lächerliche ziehen.
  • Auch auf dem instrumentalen Gebiet gibt es diese Pole: Dem opulent besetzten klassischen Sinfonieorchester ist eine Bigband gegenübergestellt.